“Ich brauche ein Gleichgewicht zwischen angeschaut werden und anschauen.”

Iris Boss (Foto: Petrov Ahner)

Die Schauspielerin Iris Boss war monatelang auf Theatertournee und erzählt mir in unserem Interview davon, wie es ist, jeden Abend auf der Bühne zu stehen und was ihr fehlt, wenn sie jeden Tag in einer anderen Stadt ist.

Liebe Iris, du hast gerade eine monatelange Theatertournee mit dem Stück Frau Müller muss weg von Lutz Hübner durch viele kleine und größere Orte in Deutschland, Österreich und der Schweiz absolviert.  Wie war das, wart ihr jeden Abend an einem anderen Ort?

Ja, mit einer oder zwei Ausnahmen. Da haben wir dann zwei Tage an einem Ort gespielt.

Kam nicht der Wunsch auf, zumindest mal eine Woche in ein und demselben Hotel zu bleiben, das Frühstücksbuffet schon zu kennen, das einen am nächsten Morgen erwartet?

Naja, die Frühstücksbuffets unterscheiden sich nur minimal. Das kennt man dann sowieso schon bald. Es ist eher das Bedürfnis, mal etwas mehr aus dem Koffer packen zu können, als das, was man für eine Nacht braucht oder mehr von einem Ort zu sehen als das, was in den wenigen Stunden zwischen Ankunft und Maske möglich ist.

Der größte Vorteil, wenn man länger als einen Tag bleibt, ist aber, dass einem die Tourbusfahrt erspart bleibt und man wertvolle Stunden für sich gewinnt. Ausschlafen wird zum Beispiel zum Luxus, wenn man eine 7-Tage-Woche nach der anderen hat. Dafür lasse ich das Frühstücksbuffet dann auch gerne mal ausfallen. Aber das geht eben nur, wenn man nicht weiterfahren muss. Und auch die Bewegung kommt zu kurz. Ich brauche meinen Sport oder zumindest ausgedehnte Spaziergänge, um mich wohl zu fühlen. Dafür fehlt dann oft die Zeit …

Das war ja nicht meine erste Tournee, und langsam werde ich eine alte Häsin, lerne die Abläufe zu optimieren. Auch komme ich manchmal in Städte, in denen ich bereits gespielt habe. Dann weiß ich schon vorher, wo ich nach 14 und vor 18 Uhr noch eine warme Mahlzeit kriege oder wo ich ins Grüne komme. Manchmal habe ich beim ersten Mal auch etwas nicht geschafft – ein Museum oder eine Sehenswürdigkeit, die mich interessiert – das kann ich dann „nachholen“. Denn so schön es ist, neue Dinge zu entdecken, so sehr habe ich auf den Tourneen das nicht vorhanden geglaubte Gewohnheitstier in mir kennengelernt: Es ist eine Wohltat, etwas wiederzuerkennen.

Wie groß war das Team, mit dem du getourt bist?

Mit mir sechs Schauspieler, ein Techniker, der gleichzeitig auch den LKW mit Bühnenbild und Requisite fährt und für die Lichttechnik des Abends zuständig ist (der härteste Job von allen, dagegen ist das, was wir machen, ein Spaziergang). Und je nach Inszenierung ein bis zwei Menschen für Maske und Requisite und der Tourneeleiter und Tourbusfahrer in einer Person.

Wie entwickelt sich das Verhältnis zueinander über diesen langen Zeitraum?

Es ist ja keine freiwillig gewählte Konstellation, in der man da unterwegs ist. Zufällig haben alle Beteiligten denselben Arbeitgeber. Im Gegensatz zu einem „normalen“ Job verbringt man nicht nur die Arbeitszeit mit den Kollegen, sondern teilt mit Ausnahme der wenigen Nachtstunden, das „Leben“. Sie sehen einen morgens, müde vor dem ersten Kaffee und abends, müde nach der Vorstellung. Es ist ein bisschen wie Dschungelcamp, zum Glück ohne Kameras und Insekten.

Je länger man zusammen unterwegs ist, desto deutlicher werden die Charakterzüge und Macken der anderen – die liebenswerten, aber auch die negativen.

Auf der Bühne: Iris Boss mit ihrem Theaterkollegen Wolfgang Seidenberg. (Foto: Oliver Fanitisch)

Wie gelingt es dir, dich da auch mal abzugrenzen?

Ich habe durch die Tourneen gelernt, meine eigenen Bedürfnisse ernster zu nehmen und dass dies nicht nur mir, sondern auch meinen Mitmenschen das Leben angenehmer macht. Ich finde es immer etwas befremdlich, wenn Egoismus gleichgesetzt wird mit „für mich, gegen die anderen“. Grenzen setzen und Kompromisse eingehen – beides ist möglich und wichtig. Dass man nicht mit einer Gruppe in sich gekehrter Tierpräparatoren, sondern ausgerechnet mit Schauspielern unterwegs ist, macht die Sache nicht unbedingt einfacher, aber erhöht den Trainingseffekt.

Was ich mir sehr hart vorstelle – wobei ich sicherlich auch aus gutem Grund keine Schauspielerin bin – ist, jeden Abend, ohne Ausnahme, sichtbar sein zu müssen. Hast du manchmal Momente, an denen du denkst, ich würde jetzt lieber alleine ein Buch lesen als auf die Bühne zu gehen und vor Hunderten zu spielen?

Sicher, jeder hat manchmal keine Lust darauf zu arbeiten. Auch eine Schauspielerin. Schon gar nicht sieben Tage die Woche, ohne Pause. Ohne Disziplin kann man diesen Beruf nicht dauerhaft ausüben. Ich bin als Privatperson nicht besonders extravertiert, eher im Gegenteil. Ich höre mindestens so gerne zu, wie ich spreche, und ich mag keine großen Gruppen.

Das Schwierige an der Tournee ist nicht die wenige Zeit auf der Bühne, sondern eher, dass man wenig Rückzugsmöglichkeiten hat. Ich liebe meinen Beruf, aber ich brauche einen Ausgleich dazu. Vielleicht schaue ich mir deshalb so viel an, wenn ich unterwegs bin und besitze dann auch eine viel feinere Wahrnehmung als im Berliner Alltag. Ich brauche ein Gleichgewicht zwischen angeschaut werden und anschauen, Input und Output …

Aber es ist so, als ginge man durch eine magische Tür, sobald man die Bühne betritt. Man handelt sehr fokussiert und auf einem erhöhten Energielevel. Man lässt den Alltag wie seine private Kleidung in der Garderobe.

Bleiben dir manche Auftritte besonders in Erinnerung oder verschwimmt das im Rückblick alles ineinander?

Natürlich bleiben mir immer diejenigen Auftritte in Erinnerung, die sich durch irgendetwas von den anderen unterschieden haben: Ein Feueralarm, der zu einer ungeplanten Pause führte, ein Kulissenteil, das in den Zuschauerraum stürzte, eine eiskalte, weil ungeheizte Garderobe, ein lustiger Versprecher, ein mühsam unterdrückter kollektiver Lachanfall auf der Bühne – da könnte man auch schon wieder philosophisch werden und sagen: Das, was das Leben ausmacht, das was bleibt, ist nicht das, was so geklappt hat wie immer, sondern die Pannen, die Hindernisse, das Ungeplante …

Bleibt auch noch ein wenig Glamour?

Nö.

Kommt ihr in Kontakt mit Einheimischen, vielleicht nach einem Auftritt?

Nach Auftritten leider eher selten. Manchmal wird vom Veranstalter ein Meet & greet oder ein Publikumsgespräch organisiert. Aber ich schaue mir ja, wie gesagt, die Orte meistens an, wenn es die Zeit erlaubt und da kommt mir mein gepflegter Anachronismus sehr entgegen: Da ich nicht mein Handy, sondern meine Mitmenschen nach dem Weg frage, komme ich schnell ins Gespräch und habe so schon viele interessante Menschen kennengelernt.

Das ist auch spannend, weil man sich ja jeden Tag in einem anderen Sprach- und Kulturraum befindet. Ich hätte vor den Tourneen niemals gedacht, dass es da, in einem verhältnismäßig winzigen Teil der Welt, so viele Unterschiede gibt.
Ich verschenke gerne auch meine Blumen – eine sehr nette, aber auf Tournee eher unpraktische Geste des Veranstalters. Es ist erstaunlich, wie viel Freude gepaart mit größtem Misstrauen einem – auch, oder gerade als Frau – entgegenschlägt, wenn man einer fremden Frau Blumen schenkt. Aber sobald ich erkläre, warum ich das tue, siegt die Freude.

Was fehlt ist der Austausch mit dem Publikum über das Gesehene. Das ist schade, aber im normalen Stadttheaterbetrieb nicht anders …

Wusstest du immer, an welchem Ort du gerade bist?

Nein, das wusste ich manchmal tatsächlich nicht. Dabei fand ich es früher immer affig, wenn irgendwelche Musiker auf Tour in Interviews gesagt haben, sie wüssten manchmal nicht mehr, in welcher Stadt sie gerade spielten. Aber es ist tatsächlich so: Ich habe dann in der jeweiligen Stadt nach Hinweisen auf Firmenschildern oder Wegweisern gesucht – da wäre ein Smartphone dann doch ganz smart, denn die Frage „Wo bin ich hier?“ kann nur extrem arrogant oder ziemlich verrückt beim Gegenüber ankommen – oder abends in den Hotelunterlagen.

Was ist das Schönste und was das Schwierigste an so einer monatelangen Theatertournee?

Das Schönste ist das Fehlen des Alltags, das Schwierigste auch.

Was war gleichbleibend in dieser ganzen Zeit? Was war für dich Halt und Kontinuität?

Gewisse Routinen, die sich auch unterwegs einhalten lassen: Schreiben, Sport, Leseorgien im Tourbus … Die tollen Kollegen und die kleinen, schönen Rituale, die man mit der Zeit zusammen findet. Die ausverkauften Vorstellungen jeden Abend. Vor allem aber das Wissen, dass ich ein Zuhause habe und dass dort der tollste Mann der Welt und ein paar andere wundervolle Menschen auf mich warten.

Was weißt du jetzt, was du vorher noch nicht wusstest?

Rüsselsheim ist extrem hässlich, in Witten gibt es das beste Eis Deutschlands und überall ist früher Frühling als in Berlin.

Vielen Dank für diese interessanten Einblicke!

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