Einfach nur sein

Manchmal kommt meine Tochter zu mir ins Zimmer und fragt: „Was machst du gerade?“ Und manchmal antworte ich dann: „Nichts.“ Und sie setzt sich dann zu mir und wir machen zusammen nichts, kuscheln einfach oder reden ein bisschen …

Ich handle sehr gerne und ebenso gerne tue ich nichts. :-) Und ich halte beides mittlerweile für gleichwertig.

Das war nicht immer so, denn wie die meisten Menschen habe ich lange gedacht, nur im Tun oder im Austausch mit anderen zu existieren. Die Stille, den Raum, in dem das alles stattfindet, habe ich überhaupt nicht wahrgenommen. Oder als Leere empfunden, die schnell überbrückt werden muss, und sei es auch nur durch den Blick aufs Handy.

Das ziellose Sein habe ich erst die letzten Jahre zunehmend entdeckt und glaube mittlerweile, dass es ein existenzieller Teil der menschlichen Natur ist. Egal ob wir gerade etwas tun oder nicht – wir existieren im gleichen Maße. Egal, ob das Meer gerade Wellen schlägt oder an der Oberfläche ganz still ist, das Meer ist immer da.

Nichtstun bedeutet für mich nicht unbedingt überhaupt nichts zu tun, manchmal lese ich oder räume ein bisschen rum oder gehe spazieren oder setze mich in ein Cafe und betrachte das Leben um mich herum. Aber ich tue nichts, was meine Aufmerksamkeit wirklich beansprucht. Ich bin einfach nur.

Wenn man es nicht gewohnt ist, sich auf solche Momente einzulassen, kann es anfangs etwas schwierig sein, weil auch Schmerz und Verletzungen hochkommen können, die sonst im täglichen Aktionismus leichter beiseitegeschoben werden. Aber die meisten schmerzhaften Gefühle werden leichter oder lösen sich ganz auf, wenn sie mal zugelassen und „durchgefühlt“ werden.

Es liegt viel Frieden und Heilung im ziellosen Sein. Für mich ist es so, als ob ich mich an mein Ladegerät anschließe. :-)

Wichtig ist auch der Aspekt, sich solche Stunden und Momente auch selbst zuzugestehen, denn nichts zu tun, wird leider schnell mit negativ belegten Begriffen wie Faulheit gleichgesetzt. So als ob wir nur im Tun eine Existenzberechtigung hätten … Das ist natürlich falsch.

Ich erlebe oftmals Tage, an denen ich von morgens bis abends in Aktion und Kommunikation bin, einfach weil ich das mag und mich darin lebendig fühle. Aber ebenso schön ist es, mich einfach in die Stille, ins einfach-nur-sein hineinsinken zu lassen, es fühlt sich immer ein bisschen wie nach Hause kommen an.

2 comments for “Einfach nur sein

  1. Franziska
    24. März 2017 at 16:58

    Ich ein sehr schöner Text, danke dafür liebe Marion!
    Ich habe deinen Blog gerade durch Zufall über den Artikel deines Buchs bei Edition F gefunden. Das Buch ist direkt auf meiner Must-Read-Liste gelandet und auf deinem Blog schaue ich jetzt auch öfter vorbei!

    Wie schön dich entdeckt zu haben!

    Ganz liebe Grüße, Franziska

    • Marion Lili Wagner
      27. März 2017 at 8:15

      Hallo liebe Franziska,

      danke! Das freut mich, dass du mich und meinen Blog entdeckt hast :-)

      Liebe Grüße
      Marion

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