Es gibt nichts zu halten

Neulich, als meine achtjährige Tochter sich an mich lehnte, dachte ich, mein Gott, wie groß sie jetzt ist. Ich erinnere mich noch, wie es sich anfühlte, ihr Köpfchen zu stützen, als sie wenige Wochen alt war. Und wie mir der Rücken weh tat vom gebückt laufen, weil ich sie halten musste, als sie ihre ersten stolzen Schritte übte. Und irgendwann wird sie eine junge Frau sein, mit der ich mich zum Kaffee trinken und Frauengespräche führen, verabrede.

Marie beim Straßenkonzert in Potsdam

Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich die kleinen Fältchen um meine Augen. Ich altere. Wogegen ich nichts habe, ich fand Jungsein immer unglaublich anstrengend und fühle mich mit jedem Tag wohler in mir und in der Welt. Und dennoch ist der Gedanke, irgendwann eine alte Frau zu sein, einfach so abstrakt. Dass meine Körper und mein Geist irgendwann immer weniger „funktionieren“ werden. Und irgendwann gar nicht mehr.

Ich höre ein Lied, das ich mit ca. 20 oft gehört habe. Es spült Bilder, Gefühle, Erinnerungen hoch. Die Menschen und die Orte von damals gehören nicht mehr zu meinem heutigen Leben. Das, was damals so real und wichtig war – vergangen.

Ich lese über die Liebesgeschichte von Johnny Cash und June Carter. Bin sehr berührt. Zwei Menschen, die einfach zusammengehört haben und es vom ersten Moment an wussten. Und dennoch dauert es schmerzhafte Jahre, bis sie endlich ein Paar wurden. Als June Carter im Mai 2003 starb, waren sie 35 Jahre verheiratet. Johnny Cash folgte ihr vier Monate später nach.

Ich liege auf der Terrasse meiner süßen Dachgeschosswohnung und schaue den Wolken am Himmel zu. Wie sie vorbeiziehen. Sich neu formieren. Wieder auflösen. Und weiterziehen. Endlos. Immer wieder neu.

Das Leben fließt durch mich hindurch und ich fließe mit. Es gibt nichts zu halten. Diese kurze Zeit hier auf der Erde – ein zeitlicher Windhauch – gehört mir und irgendwie auch nicht, denn auch ich gehöre einfach dem Leben selbst. Eine Wolke, die es ohne den Himmel nicht geben könnte.

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