„Ich räume erst die Homepage und dann den Laden auf.“

Martina Bergmann

Martina Bergmann (Foto: Hilla Südhaus)

Interview mit Martina Bergmann, deren Buchhandlung als eine von insgesamt 108 mit dem Deutschen Buchhandlungspreis 2015 ausgezeichnet wurde.

Herzlichen Glückwunsch zum Buchhandlungspreis! Es scheint, du bist die geborene Buchhändlerin. Hattest du auch mal einen anderen Berufswunsch?

Nein. Es kam aber auch gar nicht dazu. Mein Schülerbetriebspraktikum habe ich in einer Buchhandlung gemacht. Da war ich 15, und ich fand es toll. Ich hatte vorher nicht über Berufe nachgedacht, und anschließend war das nicht mehr nötig. Wobei ich später eine Weile sehr gern studiert und in die Wissenschaft geschaut habe. Aber das ging nicht soweit, sich daraus einen Beruf zu machen.

Was gefällt dir am Buchhändlerdasein?

Ich bin neugierig. Ich finde, in Büchern steht die Welt. Und was mir auch nach 20 Jahren jeden Morgen neu gefällt: Die Kisten vom Großhändler zu öffnen und neue Bücher in die Hand zu nehmen. Der tägliche Christkind-Effekt, der sich zum Glück nie verbraucht hat.

Führst du die Buchhandlung zusammen mit deinem Vater?

Jein. Die Buchhandlung ist der Rechtsform nach eine juristische Person, eine kleine GmbH. Mein Vater hält Anteile daran, aber mit dem operativen Geschäft hat er nichts zu tun. Er hat mir den sehr großen Gefallen getan, sich in einer schwierigen Situation formal einzubringen. Das ist hier konservative Provinz, und Banken fühlen sich wohler, wenn du als Tochter von Papa Bergmann auftauchst. Ich habe mich darüber fürchterlich geärgert, aber mein Vater war cool. Er hat gesagt, sieh es pragmatisch – du änderst sie nicht.

Hast du Lieblingskunden?

Klar, jede Menge! Und übrigens, um das hier mal unterzubringen, eine sehr gute und kollegiale Nachbarschaft.

Und Kunden die dich nerven?

Die sind keine Kunden. Die sind Rumsteher, die viel reden und nichts kaufen.

Man hört immer wieder, dass die Digitalisierung und Amazon den klassischen Buchhandel gefährden? Wie nimmst du das wahr?

Amazon wäre nicht so schnell so groß geworden, wenn der stationäre Buchhandel einen vernünftigen Job gemacht hätte. Die Strukturen waren in Deutschland immer gut: Doppelte Subventionierung durch den verminderten Mehrwertsteuersatz und durch die Buchpreisbindung, schnelle und günstige Verfügbarkeit der Ware über den Bücherwagendienst.

Aber viel zu viele haben sich ausgeruht. Sie haben den Strukturwandel des Einzelhandels verschlafen und auch nichts für den Nachwuchs getan. Das schlimmste Sakrileg: Buchhändlerkinder, für die sich, „etwas Besseres gewünscht wurde“. Unsere Kinder sollen studieren und einen ordentlichen Posten haben. Wer so spricht, macht seinen Berufsstand unglaubwürdig.

Wahr ist, dass der Beruf sich sehr gewandelt hat. Es gibt neue Aufgaben, und die sind im Wesentlichen digital. Die alten Liebeleien, das schöne Schaufenster und der Engtanz mit der Bücherei: So wirst du heute nichts. Dekoration ist ein, aber nicht mehr der wesentliche Baustein. Ich räume erst die Homepage und dann den Laden auf. Und die Mär von den Aufträgen der öffentlichen Hand: Da kann ich nur lachen. Du verdienst nichts daran, und allzu oft machen sie dir noch Konkurrenz. Ich habe immer die Nähe zum Mittelstand gesucht. Diese Loyalität rentiert sich.

Was sind deine ganz persönlichen Kriterien für einen guten Buchladen?

Wenn ich in einen fremden Buchladen gehe und mir selbst ein Buch kaufe: Dann ist er gut. Das kann auch übrigens ein Thalia oder Hugendubel sein, das ist kein Kriterium des inhabergeführten Sortiments. Die beste Buchhändlerin der Welt arbeitet bei Thalia in Münster auf der Ludgeristraße: Bernadette Schepers. Von niemandem habe ich so viel gelernt.

Zum Schluss musst du uns natürlich noch ein Buch empfehlen. Oder mehrere.

Mein Lieblingsbuch ist „Rot und Schwarz“ von Stendhal. Aus dem aktuellen Programm: Heike Geißler, „Saisonarbeit“; Sabine Rennefanz, „Die Mutter meiner Mutter“; Anne Weber, „Ahnen“. Ein großes und kluges Buch ist Neil MacGregors „Deutschland“. Ich würde es aber auf Englisch lesen. Ist nicht schwer und schafft den Abstand, den man dazu braucht.

Vielen Dank!

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