Selbständig arbeiten – das alltägliche Glück

Der Tag, als mir bewusst wurde, dass ich nur selbständig arbeiten kann und will, ist mir immer noch klar in Erinnerung. Ich war damals Mitte zwanzig und studierte in Halle an der Saale Ethnologie und Soziologie. Ich saß am späten Nachmittag in meiner Wohnung an einer Hausarbeit, die mir null Freude bereitete. Ich quälte mich und quälte mich und plötzlich drangen wie aus dem Nichts diese Gedanken in meinen Kopf: Ich will das ja gar nicht. Ich will das alles nicht mehr. Ich will überhaupt nie wieder Vorgaben bekommen, was ich wie tun soll. Ich will nur noch frei und selbstbestimmt arbeiten.

Das waren nicht nur Gedanken, es war vielmehr eine tiefe Erkenntnis, die über einen langen Zeitraum unbewusst in mir gereift sein muss und nun mit voller Wucht an die Oberfläche drang.

Meine Hausarbeit hatte ich augenblicklich vergessen. Ich lief in meiner Wohnung auf und ab. Es war mir plötzlich so unglaublich klar, dass ich immer unglücklich sein werde, wenn ich weiterhin versuche, ein funktionierendes Rädchen in einem größeren Getriebe zu sein (wobei ich in allen beruflichen Erfahrungen, die ich bis dahin gesammelt hatte, eh nicht funktioniert hatte).

Von einer Sekunde auf die andere hatte sich der Blick auf meine Zukunft verändert.

Ich zog meine Schuhe an und rannte zu meinem damaligen Freund. Ich erzählte ihm außer Atem von meiner Erkenntnis. Seine Fenster waren offen und ein Krankenwagen fuhr gerade mit lauter Sirene vorbei. Und weil ich nicht warten konnte, bis der Lärm vorüber war, redete ich immer lauter, bis ich gegen die Sirene anschrie: „Und ich gehe jetzt endlich nach Berlin!“

Das war vor etwas mehr als zehn Jahren.

Macht es mich glücklich, selbständig zu arbeiten?

Ja, absolut. Es bedeutet für mich Ich-sein, frei sein. Das bedeutet nicht, frei von Kompromissen zu arbeiten, denn überall, wo man auf Menschen trifft, geht man Kompromisse ein. Wenn ich beispielsweise einen Artikel für ein Magazin schreibe, ist das das natürlich an gewisse Vorgaben gebunden: Länge, Thema, usw. Aber ich bin dennoch frei darin, zu entscheiden, ob ich etwas machen will und wie.

Es muss schön sein, wenn man als Angestellter immer damit rechnen kann, am Ende des Monats einen bestimmten festen Betrag auf dem Konto zu haben oder bezahlten Urlaub zu genießen. Aber Sicherheit war für mich noch nie ein Motiv. Selbstausdruck, inneres Wachstum, mich lebendig und frei fühlen umso mehr.

Das Glück im Alltag

Ich will, dass mein Glück in meinem Alltag liegt. Dass ich mich auf meine Tage freue und sie selbstbestimmt gestalten kann. Dass ich mich in meinem Tempo entwickeln kann und in die Richtung, die mir entspricht. Ich will mich 24 Stunden am Tag nach mir selbst fühlen. Ich kenne noch das Gefühl aus verschiedenen fremdbestimmten Jobs, bei denen ich ständig auf die Uhr schaute und erst nach Feierabend die Lebensenergie in meinen Körper zurückkehrte.

Menschen sind sehr verschieden, deswegen ist dieser Artikel keinesfalls ein Aufruf, alles hinzuschmeißen und sich selbständig zu machen. Ich kenne etliche Menschen, die in ihrer angestellten Tätigkeit absolut zufrieden sind und wäre ich etwas „normaler“ und anpassungsfähiger, hätte ich in jungen Jahren möglicherweise auch einen ähnlichen Weg eingeschlagen. Aber bei allen beruflichen Aufs und Abs der vergangenen Jahre habe ich meinen Weg nie bereut.

Im Gegenteil. Ich liebe ihn immer mehr. Und jetzt, wo meine Tochter größer und selbständiger wird, genieße ich es sehr, die wiedergewonnene Energie in meine Arbeit zu stecken und neue berufliche Pläne zu entwickeln.

(Dieser Artikel nimmt an der Blogparade von Peer Waldinger von Selbständig im Netz teil, das Thema lautet Seid ihr glücklich als Selbständige?)

4 comments for “Selbständig arbeiten – das alltägliche Glück

  1. Manuela
    25. Juli 2016 at 10:08

    Liebe Marion Lili,

    ein sehr guter Artikel wie ich finde, in dem ich mich insbesondere als Hochsensible absolut wiederfinde und der Mut macht, auf dem Weg der Selbständigkeit zu bleiben – Dankeschön :-)

    • Marion Lili Wagner
      29. Juli 2016 at 11:02

      Das freut mich sehr :-)

  2. 25. Juli 2016 at 13:08

    Hallo Marion,
    ‚Ich will mich 24 Stunden am Tag nach mir selbst fühlen.‘ Ein schöner Satz aus deinem Artikel. Und gesund dazu: Wenn das das Grund-Gefühl wäre, dass Menschen (auch) in Bezug auf ihre Arbeit hätten… es ginge vielen besser in ihrem Leben, es ginge uns als Gesellschaft insgesamt besser.
    Meine Selbstständigkeit ist bisher noch recht überschaubar, aber ich bin dabei, sie auszubauen. Und dabei achte ich genau darauf, ohne es bisher so bezeichnet zu haben: mich nach mir selbst zu fühlen.
    Alles Gute für dich weiterhin auf deinem Weg!

    • Marion Lili Wagner
      29. Juli 2016 at 11:03

      Vielen Dank! Dir auch alles Gute! :-)

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