Über gefühltes und tatsächliches Alter

Mein gefühltes Alter war schon immer so um die 40. Das liegt – so fürchte ich – nicht an einer besonderen Reife, die sich frühzeitig in meinem Leben bemerkbar gemacht hätte. Nein, ich denke, es liegt vielmehr daran, dass 40 für mich immer die unbewusste Assoziation von Mitten im Leben war. Ich wollte schon immer einfach mittenrein und nicht am Rand rumstehen oder mich in der Schule „aufs Leben vorbereiten“ lassen.

Und je näher ich dieser Zahl komme (jetzt bin ich 37), umso wohler fühle ich mich. Ich hoffe natürlich, dass ich mich auch danach noch wohlfühle. Aber da ich mich mit 20 schon wie 40 gefühlt habe, darf ich das erst recht mit 60. Ich will mich auf jeden Fall immer Mitten im Leben fühlen.

Das mit den Alterszahlen ist so eine Sache. Wir stellen selbst eine Verbindung zu unserer aktuellen Alterszahl her und haben eine Vorstellung, wie das Leben in diesem Alter vielleicht sein sollte oder wie wir uns fühlen sollten. Wieviel Zeit uns noch bleibt oder was noch möglich ist. Das ist auch in Ordnung, solange die Identifikation nicht zu einem Gefängnis oder ständigen Hinderungsgrund wird.

Okay, ich würde mit 90 auch keinen Bausparvertrag mehr abschließen, aber abgesehen von Extremen ist meiner Ansicht nach der Altersbereich, in dem Handlung und Alterszahl voneinander gelöst werden sollten, sehr breit.

Ich habe mir, als ich jünger war, manche Empfindungen nicht so recht zugestanden, weil ich dachte, so dürfen sich nur Rentner fühlen. Ich war mit Mitte zwanzig schon oftmals gerne einfach für mich und hatte überhaupt nicht das Gefühl, irgendwas zu verpassen, wenn ich mein Wochenende mit einem Buch zuhause verbrachte oder mit den anderen Rentnern an der Saale entlangspazierte (ich studierte damals in Halle).

Gleichzeitig liebe ich es, neue Dinge zu beginnen und zu erleben. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das mit 75 anders sein wird. Wahrscheinlich starte ich noch im hohen Alter alle möglichen Dinge: Gesprächskreise für hochsensible Senioren. Sirtaki im Sitzen tanzen. Kurzgeschichten aus dem Altersheim. Da fällt mir bestimmt noch einiges ein.

Ich nehme immer wieder wahr, wie sehr das eigene Alter als begrenzend empfunden wird. Sogar mit 40 denken manche, nun sei es zu spät, um dieses oder jenes neu zu beginnen. Das ist Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass man mit 40 gerade mal 20 Erwachsenenjahre hinter sich hat und mit etwas Glück noch weitere 40 vor sich.

Niemand sollte sich davon abhalten lassen, etwas zu tun, was er tun will, nur wegen einer Alterszahl. Wenn du mit 65 noch gründen willst, dann tu es. Wenn du mit 17 lieber ruhige Gespräche führst, als in Clubs abzutanzen, dann tu genau das. Wenn du dich gerade genauso albern fühlst, wie dein Kind, dann sei es einfach.

Lass „die Leute“ denken und reden. Wenn du das tust, was du bist und wie du dich fühlst, unabhängig deines Alters, wirst du genau die Menschen kennenlernen, die zu dir passen. Und wie alt die sind, ist ebenso egal. Wellenlängen sind alterslos.

2 comments for “Über gefühltes und tatsächliches Alter

  1. 18. Mai 2016 at 8:30

    Yeah, genauso sehe ich das auch. :-)
    So oft habe ich schon Sätze gehört wie: „Aus dem Alter bin ich raus.“ oder „Komm du erstmal in mein Alter.“ Ich finde das furchtbar, weil das Alter erstmal gar nichts mit dem eigentlichen Leben zu tun hat. Es ist eine Zahl auf Papier, zu der sich die Gesellschaft fröhlich Normen ausgedacht hat, wie „man dann zu sein hat“. Schwachsinn.

    Ich liebe es, 80-Jährige zu sehen, die noch zu jedem Schabernack aufgelegt sind und nicht darüber nachdenken, dass sie doch eigentlich schon 70 Jahre „aus dem Alter raus sind“. Durch dieses Denken berauben wir uns selbst unserer Freiheit, die wir uns doch alle so sehr wünschen.

    Ich liebe deinen letzten Satz: „Wellenlängen sind alterslos.“ Ein wundervoller Abschluss. :-)

    Viele Grüße
    Maike

    • marionliliwagner
      21. Mai 2016 at 16:00

      Liebe Maike, danke :-) Freut mich, dass es doch noch viel mehr Menschen gibt, die das so sehen. Liebe Grüße, Marion

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