Über Heimat und Erinnerungen daran

Ich im Grundschulalter (mit Krawatte, die zur Schuluniform gehörte)

Als ich neulich am frühen Abend durch Potsdam spazierte, dachte ich, wie sehr ich diese kleine Stadt mittlerweile ins Herz geschlossen habe. Ist Potsdam jetzt meine Heimat, fragte ich mich. Eher nicht, das Gefühl, hier Wurzeln zu haben, fehlt. Ich bin auf jeden Fall hier zuhause und das sehr gerne.

Ich habe meine Kindheit in Mediasch, einer kleinen Stadt genau in der Mitte Rumäniens verbracht. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt, aber ich wusste auch, dass wir dort nicht für immer bleiben werden und dass meine Eltern darauf warteten, eine Ausreiseerlaubnis zu erhalten, um nach Deutschland zu ziehen, wie einige Verwandte bereits vor uns.

Ich wollte nach Deutschland, sehr gerne sogar. Ich hatte bereits damals das Gefühl, dass es mein „eigentliches“ Land ist, vor allem wegen der Sprache. In der deutschen Sprache habe ich mich zuhause gefühlt, seit ich sie im deutschen Kindergarten und später in der deutschen Schulklasse gesprochen habe.

Im Sommer 1990, ich war fast 12 Jahre alt, kamen wir nach Deutschland. Ich lebte mich schnell ein und schloss schnell neue Freundschaften, aber unter der Oberfläche war der Bruch groß. (Unlustigerweise brach ich mir in den ersten Wochen den Fuß und konnte lange nicht richtig auftreten.) Ich war ein starkes und selbstbewusstes Kind und plötzlich fühlte ich mich unsicher und voller Selbstzweifel. Das lag natürlich auch am Alter, es war gleichzeitig das Ende meiner Kindheit, also zwei Lebensumbrüche auf einmal. Es hat mehrere Jahre und Krisen gedauert, bis ich mich wieder wohl in mir selbst und in der Welt gefühlt habe.

Mit Anfang zwanzig waren mir Wurzeln völlig egal. Ich suchte Flügel. Ich flog aus nach Leipzig, dann nach Halle, später nach Berlin. Und jetzt Potsdam, seit fünf Jahren schon.

Der Ort, den ich ehesten mit dem Wort Heimat verbinde, ist immer noch der Ort meiner Kindheit in Rumänien. Ich liebte unsere kleine Wohnung im vierten Stock eines länglichen Plattenbaus und die lebendige und gelegentlich lautstarke Nachbarschaft :-). Die Wärme und Herzlichkeit der Menschen dort, aber auch die Unmittelbarkeit des Lebens: Die Trauerfeiern direkt vor dem Haus und die Hochzeiten, bei denen die Band musizierend durchs Treppenhaus zog und zwischendurch noch ein Schlückchen trank.

Wenn ich in den Ferien bei meinen Großeltern auf dem Land war, war das auch schön, aber ich fühlte mich viel mehr nach mir selbst, wenn ich wieder in dieses lebendige Umfeld zurückkehren konnte.

Meinem zwei Jahre älteren Bruder ging es genauso und wenn wir uns treffen, reden wir oft über Mediasch und unseren „Block“ und unsere Erinnerungen daran.

Zum Beispiel an Frau B. aus dem Erdgeschoss, die sich mit ihrer Freundin aus dem gegenüberliegenden Haus oft lautstark rufend von Fenster zu Fenster „unterhielt“. Zum Teil auch über sehr persönliche Angelegenheit und alle konnten, nein mussten, mithören. Irgendwann hatten dann beide einen Telefonanschluss und saßen – ich schwöre! – mit dem Hörer am Ohr am Fenster und riefen genauso laut wie davor auch :-).

Dass das Leben in all seiner Ernsthaftigkeit auch eine unglaubliche Komik hat, das habe ich dort sehr früh erfahren.

Heimat ist manchmal vielleicht nur noch eine Erinnerung. Aber mir gefällt der Gedanke, dass all diese schönen Erfahrungen und Prägungen noch in mir sind und auch für immer bleiben.

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